Exkursionsbericht „Sei wahrhaftig in deinem Handeln.“

Gegen Ende des dritten Kurshalbjahres begaben wir uns mit dem Grundkurs Geschichte mit unserer Lehrerin Frau Esders auf eine Exkursion zur Gedenkstätte Plötzensee und zu den Schwestern des Karmel Regina Martyrum.

©  A. Savin, Wikimedia Commons

Zu Beginn besichtigten wir bei eisiger Kälte die Gedenkstätte Plötzensee, die sich auf dem Gelände der ehemaligen Hinrichtungsstätte der Nationalsozialisten direkt neben der Strafgefangenenanstalt Plötzensee befindet. Zwischen 1933 und 1945 wurden an diesem Ort fast 3000 Menschen hingerichtet, die zuvor in oftmals kurzen Prozessen aufgrund von „Landesverrat“ oder „Hochverrat“, als „Volksschädlinge“ oder wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt worden sind. In einem Prozedere, das nicht einmal zehn Minuten dauerte wurde die Todesstrafe in den Räumen der heutigen Gedenkstätte zeitweise im Akkord vollstreckt. Auch zahlreiche Widerstandskämpfer, die mit dem gescheiterten Attentat am 20. Juli 1944 in Verbindung standen, wurden in Plötzensee auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers auf besonders entwürdigende und grausame Weise an Fleischerhaken gehängt – für den „Führer“ wurde der Todeskampf der Verurteilten fotografiert und gefilmt.

In den beiden schlichten Ausstellungsräumen der Hinrichtungsbaracke wird die Geschichte der Strafvollzugsanstalt Plötzensee sehr detailliert beschrieben und eindrucksvoll um die Biographien von Opfern der NS-Justiz ergänzt. So konnten wir Briefe von Gefangenen lesen, die diese aus der Haftanstalt kurz vor der Vollstreckung des Todesurteils an ihre Verwandten schrieben und die von einer unbeschreiblichen inneren Ruhe und Zufriedenheit mit dem gelebten Leben zeugten. Eben diese Briefe und die genaue Darstellung der damaligen Zeit führten dazu, dass wir die Gedenkstätte tief berührt und schockiert über das Ausmaß des nationalsozialistischen Justizterrors verließen.

Nach dem Besuch der Gedenkstätte Plötzensee machten wir uns auf den Weg zur Gedenkkirche Maria Regina Martyrum am Heckerdamm. Die von dem Architekten Hans Schädel entworfene Kirche wurde 1963 als Gedenkkirche für die Opfer des Nationalsozialismus geweiht. 1982 zogen mehrere Schwestern aus dem Karmel in Dachau, der dort 1964 unmittelbar neben dem ehemaligen NS-Konzentrationslager Dachau gegründet worden war, nach Berlin und gründeten direkt neben der Gedenkkirche ein neues Kloster. In der Tradition ihres Ordens, dem auch die jüdische Philosophin Edith Stein angehörte, war es der ausdrückliche Wunsch der Schwestern, das Gedenken an die Märtyrer des 20. Jahrhunderts im damals noch geteilten Berlin lebendig zu erhalten.

©  J. Esders

Wir wurden von Schwester Mechthild begrüßt, die uns zunächst etwas zu der Architektur der Kirche und zur Erinnerungsarbeit ihres Ordens erzählte. Sie erklärte uns, was sich der Architekt bei der Ausgestaltung des Kirchhofes mit schwarzen und weißen Basaltsteinen gedacht hat und welche Elemente dieser sehr schlichten und doch ungemein eindrucksvollen Kirche eine Bedeutung im Zusammenhang mit der Erinnerungsarbeit der Karmelitinnen haben. Einen starken Kontrast zum Grau der äußeren Architektur erfuhren wir im Inneren der Kirche, wo wir uns zu einem intensiven Gespräch vor dem umso farbigeren Fresko an der Altarwand wiedertrafen. Der Künstler Georg Meistermann hat hier die Apokalypse und das himmlische Jerusalem auf sehr abstrakte Weise dargestellt. Jede und jeder von uns hat die leuchtende Farbigkeit und die einzelnen Elemente des Bildes persönlich gewiss sehr unterschiedlich wahrgenommen und auf sich wirken lassen. In der Architektur das Grau, das den Tod symbolisiert, und im Altargemälde die farbige Strahlkraft des Lebens, das den Tod überwindet – in der Gedenkkirche trifft beides unmittelbar aufeinander.

©  Kloster Regina Martyrum

Nach dem Besuch in der Oberkirche begaben wir uns in die Krypta. Dort schilderte uns Schwester Mechthild das beeindruckende Leben des bekennenden Katholiken und Vorsitzenden der katholischen Aktion Erich Klausener, der schon früh begann, die Taten der Nationalsozialisten zu verurteilen und die Öffentlichkeit zu einer „Revolution der inneren geistigen Erneuerung“ aufrief. Schwester Mechthild wies uns im Besonderen auf ein Zitat von Erich Klausener hin, in dem er die Menschen dazu auffordert, wahrhaftig in ihrem Handeln zu sein. Diese Aufforderung ist es, die Erich Klausener zu einer so interessanten und beeindruckenden Persönlichkeit macht und die uns dazu bewegte, uns Gedanken darüber zu machen, was dies eigentlich für die damalige Zeit bedeutete und darüber hinaus auch heute für uns selbst.

©  J. Esders

Im Anschluss an die Kirchenführung setzte sich Schwester Mechthild in unsere Mitte und öffnete das Gespräch für unsere Fragen, welcher Art auch immer diese seien. Wir kamen unmittelbar mit Schwester Mechthild ins Gespräch und wir erfuhren viel über ihren Lebensweg, der keinesfalls so gerade und so geplant verlief, wie es viele von uns gedacht hatten.

Viele waren überrascht, welch lange Zeit die Schwestern zunächst sozusagen auf Probe im Kloster verbringen, bevor sie zu einem ständigen Mitglied des Ordens werden. Das Ende unseres Besuches bildete die Teilnahme an der Sext, dem Mittagsgebet der Schwestern in der Krypta. Dank dieses Mittagsgebetes konnten wir uns einen Eindruck von einem so essentiellen Bestandteil des Klosterlebens machen.

©Kloster Regina Martyrum

Rückblickend kann man von einer sehr interessanten Exkursion sprechen, die uns allen die Möglichkeit bot, sich noch genauer mit der nationalsozialistischen Justiz auf der einen und den Opfern eben dieser Justiz auf der anderen Seite zu beschäftigen und so die damalige Zeit und das Leben der Menschen noch umfassender zu verstehen. Der Besuch in der Gedenkkirche und der sehr persönliche Austausch mit Schwester Mechthild haben uns gezeigt, wie der gelebte Glaube der Karmelitinnen heute mitten in Berlin die Erinnerung und das Gedenken lebendig hält.

Markus Sachse (4. Semester)